Passa tempo oder der Gärtner über den Berg
In dem kleinen Dorf namens ‚Sopramonte‘ unweit der großen Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten und Vergnüglichkeiten wie Einkaufszentren, McDonalds, Kirchen und Museen gab es nicht viel zu sehen, aber viel zu tun. Wobei auch Letzteres Ansichtssache war. Denn Menschen wie ich als gehetzter Städter waren nur an diesen Ort gekommen, um Freunde zu besuchen, einer vergangenen, unausgesprochenen Liebe nachzueilen, der angestammten, aufgeheizten Betonburg zu entfliehen, im Schatten zu liegen und zu lesen. Kurz gesagt: ein Versuch La Dolce Vita zu genießen. Obwohl das Dorf malerisch zwischen sanften Hügeln im Vordergrund und zackigen Bergen im Hintergrund gelegen war, gestaltete sich dies als schwierig. Die Hitze war ebenso groß wie die Rastlosigkeit in mir. Zwischen Effizienz und Dekadenz blieb selten Zeit zum Nachdenken und Raum zur Sinnfindung, geschweige denn für das Leben und den Genuss an sich. Wie können ein paar freie Tage das kompensieren, was der Alltag permanent unterdrückt beziehungsweise was dort keinen Platz hat?
Da ich weder in mir noch in den überfüllten Vorratsschränken und Küchenregalen, die von einer Mottenarmada befallen waren, ein Antwort auf diese Frage finden konnte, begann ich Harry Potter zu lesen. Das Buch hatte ich im Haus meiner Freunde gefunden und es hatte tatsächlich immer noch die gleiche Wirkung auf mich wie in meiner Kindheit: sofort hatte mich seine Magie erfasst und ich war in die Tiefen der Fantasiewelt abgetaucht. Keine großen Gedanken und Gefühle legten sich mehr auf mein Gemüt und im Schatten eines Baumes im Garten stellte sich nach und nach ein Gefühl der Erholung und Entspannung ein.
Neben dem Garten der Freunde, der aus einer gemähten Wiese und zwei Bäumen bestand, war ein Gemüsegarten, der von einem alten Herrn bestellt wurde. Wie jeden Tag war er auch um die brütend heiße Nachmittagszeit anwesend und spendete den Pflanzen notwendiges Wasser. Als er mich im Garten sitzend und lesend sah, fragte er mich, was ich denn tue. Ich antwortete ihm: „Ich lese.“ Er sah mich kurz an und meinte nur: „Passa tempo.“ Die Zeit vergeht. Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er seine Tätigkeit fort und widmete sich wieder seinem Garten.
Von nun an würde er jedes Mal wenn er mich sah, innehalten, fragen, was ich denn täte und ganz egal was ich machen würde, darauf erwidern: „Passa tempo.“ (Mit Ausnahme des Lesens waren dies einmal ein Picknick und einmal ein Acro-Yoga Versuch, der kläglich scheiterte.) So bescherte mir jede Begegnung mit dem resoluten Gärtner ein Schmunzeln, da er dieses Ritual wirklich jeden Tag zwei bis dreimal aufs Neue exerzierte.
Bis auf dieses Erlebnis hatte ich nicht zu viel zu lachen. Zwar konnte ich meine Liebe gestehen, doch dem Kussversuch wurde mit dem Auftauchens des Ex-Freundes ein abruptes und unromantisches Ende bereitet; ansonsten aß ich zu spät und zu viel und ich entfloh rasch diesem Dorf und dieser Liebe, die ich beide seitdem nicht wiedergesehen habe.
Und wie die Zeit vergeht: der Gärtner war schon längst über den Berg und auf die Frage, „Gehst du mit der Zeit oder gehst du mit der Zeit?“, gibt es nur eine Antwort: Am Ende gehen wir alle mit der Zeit.